Der Mann mit Turban und BartAndrea Freiermuth

Der Mann mit Turban und BartAndrea Freiermuth

«Osama Bin Laden, Osama Bin Laden», hätten ihm Nachbarskinder schon nachgerufen. Karnail Singh hat die Verwechslung gelassen genommen, sich aber trotzdem bei den Eltern vorgestellt. Man habe zusammen Tee getrunken und er habe ihnen von seiner Religion und seinem Leben erzählt, meint er mit einem milden Lächeln. «Jetzt, no problem, no problem.»

Karnail Singh ist Sikh und stammt aus Indien. Die Sikh-Religion ist mit 23 Millionen eine der kleineren Weltreligionen und zählt in der Schweiz zu den kleinsten Religionsgemeinschaften. Begründet wurde sie im 15. Jahrhundert von Guru Nanak in der indischen Provinz Punjab. Die Botschaft des Propheten ist einfach: Arbeite für deinen Lebensunterhalt, bete zu Gott und teile mit anderen. Die Gemeinschaft hat im Leben von Karnail Singh einen grossen Stellenwert. Er ist der Sekretär der Sikh-Gemeinde Gurudwara mit Sitz in Däniken. An Sonntagen treffen sich hier Sikhs aus der ganzen Schweiz und dem nahen Ausland. Der Gurdwara – der Tempel – befindet sich in einer ehemaligen Karosseriewerkstatt im Industriequartier. Von aussen betrachtet ein Fabrikbau wie jeder andere. Einzig die vielen Schuhevor der Tür lassen vermuten, dass sich im Inneren keine Maschinen und Werkzeuge, sondern Menschen befinden.

zur Wahrheit verpflichtet

Gäste sowie Mitglieder der Gemeinschaft werden mit gesüsstem Tee, Gebäck und frittierten Leckereien begrüsst. Unter dem Blechdach hangen farbenfrohe Girlanden, braunrosa Samtvorhänge verbannen die graue Umgebung nach draussen. Der Altar ist mit einer goldenen Kuppe versehen, die mit Leuchtschlangen verziert ist. Davor liegen Gebinde aus Plastikblumen und stählerne Dolche. Ein Patchwork von Teppichen liegt auf dem Boden, über den einst Autos geschoben, ausgebeult und neu gespritzt wurden. Der Duft von Kreuzkümmel und Kardamon liegt in der Luft. Er strömt aus der Küche, in der Männer in grossen Töpfen rühren. Neben der Bühne, auf der sich Kinder auf ihren Auftritt vorbereiten, sitzt Karnail Singh an die Heizung gelehnt. Die schwarzen Stoffbahnen seines mächtigen Turbans sind kunstvoll um sein Haupt gewunden. Haare sind keine zu sehen, dafür umso mehr Bart. Grauweiss fliesst er aus Singhs Gesicht. Ein Reif umschliesst das Handgelenk des Bärtigen. Das stählerne Stück erinnert seinen Träger an die Verpflichtung zur Wahrheit und ist neben den ungeschnittenen Haaren, die meist unter einem Turban verborgen sind, das für Aussenstehende deutlichste Merkmal eines Sikhs.

Karnail Singh ist umringt von dunkelhäutigen Männern und Frauen in farbenprächtigen Gewändern. Sie tragen alle eine Kopfbedeckung – sei es Turban, Seidenschal oder Skimütze. Die Leute informieren sich beim Sekretär über das Jugendcamp, wollen einen Einzahlungsschein für Spendenbeiträge, melden sich als Küchen-Crew für den kommenden Sonntag oder fragen nach der Telefonnummer eines anderen Gemeinschaftsmitgliedes. Der 56-Jährige schaut sein Gegenüber jeweils erwartungsvoll an, antwortet mit wenigen Worten und wendet sich dann gleich dem Nächsten zu.

In pakistan geboren

Eine knappe Antwort hat er auch bezüglich seines Lebens bereit: «Ich wurde 1948 in Pakistan geboren and arbeitete 15 Jahr für die Indian Navy, 1989 I came to Switzerland.» Erst nach vielen Fragen und Kurzantworten ergibt sich langsam ein Bild seiner Biografie. Karnail Singh ist in einer Bauernfamilie aufgewachsen, die zehn Büffel und vier Hektaren Land besass. Das Grundstück lag auf einem Gebiet, das später Indien zugesprochen wurde. Nach der Schule ist er der indischen Marine beigetreten, da ihm diese gute Perspektiven bot. In der Folge nahm er an zwei Kriegen gegen Pakistan teil.

Zu Beginn der Achtzigerjahre verstärkte sich der schwelende Konflikt zwischen den Sikhs und der Regierung. In der Provinz Punjab herrschte ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, da die Sikhs einen eigenen Staat beanspruchten, der ihnen vor der Anwesenheit der Briten noch zustand. Mit ein Grund, warum Karnail Singh die Armee nach 15 Jahren Dienst verliess und nach Dubai ging, um auf einem Ölfeld zu arbeiten. Drei Jahre später kehrte er zurück. Allerdings hatte sich der Konflikt in der Zwischenzeit zugespitzt und wenige Monate nach seiner Rückkehr im Jahr 1984 liess Indira Gandhi den Goldenen Tempel in Armistar, das Heiligtum der Sikhs, stürmen. Tausende emigrierten in den folgenden Jahren ins Ausland, Karnail Singh kam in die Schweiz.

Nachdem er als Asylant anerkannt worden war, arbeitete er in einem Krankenheim als Hilfspfleger. Auch diese Arbeit «was good job» und angesprochen auf seine Aufgaben meint er, es sei kein Problem für ihn gewesen, den alten Leuten die Windeln zu wechseln. Schliesslich würde er das für seine Eltern auch tun.

«Very friendly»

Seine Religion lehrt ihn Demut, aber auch ständiges Streben nach Höherem. Daher sind viele Sikhs erfolgreiche Geschäftsmänner und Geschäftsfrauen. So auch Karnail Singh: Seit vier Jahren ist er selbstständig und handelt mit Lederwaren aus Indien.

Ob er eines Tages wieder in seine Heimat Indien zurückkehren wird, ist für Karnail Singh zurzeit noch offen. In der Schweiz erfahre er abgesehen von einigen unwissenden Kindern keine Diskriminierung und die Schweizer seien eben «very friendly».

Karnail Singh wurde vor 56 Jahren in Pakistan geboren.

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