Ein Frauenleben zwischen Bauernhof und Stadt

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Als Annemarie Aeberhard in den 1930er-Jahren im Toggenburg aufwuchs, hätte sie sich wohl nicht träumen lassen, dass sie zur «Limmattalerin des Jahres 2004» gewählt würde. Für die Bauerntochter war damals bereits der Besuch im Dorf, das mit einem 30-Minuten-Fussmarsch zu erreichen war, ein Ausflug in die «weite Welt». Der Telefonanruf von der Lokalzeitung kommt «aus heiterem Himmel». «Wieso gerade ich?», fragt sie, «ich bin doch eine ganz Gewöhnliche.» Gegenfrage: Wen hätte sie denn gewählt? «Meine Tochter Maja.» Hat doch eben diese Tochter, Maja Feuerstein-Aeberhard, ihre Mutter vorgeschlagen. Aeberhards scheinen über Familiensinn zu verfügen.

Aufgemacht an die Oberdorfstrasse in Dietikon. Eine grosse helle Wohnung im vierten Stock, vom Wohnzimmer aus sieht man bei schönem Wetter den Säntis. Und sonst mindestens bis zum Turm der reformierten Kirche und hinauf nach Bergdietikon. «Dank Maja haben wir vor einem Jahr diese Wohnung gefunden, jetzt bin ich richtig gerne zu Hause», erzählt Aeberhard. Ihr Mann Walter, der nächstes Jahr 80 wird, ist nicht mehr gut zu Fuss.
Sie sind 1963, vor 41 Jahren, nach Dietikon gekommen.

Annemarie Aeberhard: Wir kamen vom Bodensee ins Limmattal, es war ein kalter Winter mit einer Seegfrörni und es gefiel mir gar nicht. Das Haus an der Weiningerstrasse war so dunkel. Trat man aus dem Haus, war man direkt auf der Strasse. Mir fehlte das Grüne, das Land, das «Bauern». Walter arbeitete für die Holzkorporation und verdiente gut. Um ins Freie zu kommen, unternahmen wir am Sonntag lange Spaziergänge. Erst als 1965 das jüngste Kind, Regina, geboren wurde, bekam ich Freude am Leben in Dietikon.

Haben Sie sich jemals damit abgefunden, in einer Stadt zu leben?

Aeberhard: Im Sommer fuhr die ganze Familie jeweils für drei Wochen ins Toggenburg, um beim Heuen zu helfen. Das waren unsere Ferien. Später konnten wir ein Maiensäss-Hüttli von Bekannten benützen.

Annemarie Aeberhard, damals noch Brander, war 14 Jahre alt, als sie den Bauernhof ihrer Eltern verliess, um «go diene». Nur zwei aus ihrer Klasse hätten die Möglichkeit gehabt, einen Beruf zu lernen. Sie sei froh gewesen, wegzukommen vom engen Zuhause mit vier jüngeren Brüdern. Eben, «in die weite Welt hinaus», auch wenns «nur» das Dorf war: Oberhelfenschwil. Abwaschen, putzen, Gemüse rüsten – das war ihre Arbeit im Restaurant mit angegliedertem Ferienheim. Von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr. «Mir fiel es schwer, dass ich nicht mehr ins Freie konnte – und Schuheanziehen musste.» Danach führte sie ihr Weg nach Herisau, in eine Metzgerei, später in eine Bäckerei in Altnau. Dort lernte sie den zehn Jahre älteren Walter Aeberhard kennen, «en schüche Bursch». Mit 21 wurde geheiratet und Annemarie war «selig». Der Druck der letzten Arbeitsstelle war weg, das Familienleben empfand sie als friedlich. Zwischendurch half sie auf dem Feld eines Verwandten mit, «das hat mir gefallen.»
Ihre Tochter Maja sagt, Sie stünden stellvertretend für andere Frauen Ihrer Generation. War Ihre Mutter ein Vorbild?
Aeberhard: Meine Mutter war Deutsche, eine Chrampferin. Ja doch, sie war eine Zufriedene. Als unser Vater im Dienst war, zog sie ohne Hilfe den Karren. Das machte mir Eindruck.

Annemarie Aeberhard arbeitete in Dietikon bei der Familienhilfe. Als Tochter Ursi vor acht Jahren Mutter wurde, hörte sie bei der Spitex auf: «Ich entschied mich, nicht mehr für die ‹Fremden› da zu sein, sondern ganz für die Familie.» Von da an fuhr sie einmal die Woche nach Oberstammheim. «Meine Mutter kocht meiner Familie jeden Freitag ein königliches Menü und verwöhnt uns immer sehr», schreibt Maja Feuerstein in ihrer Begründung. «Die anderen machen auch etwas für mich – indem sie zu mir kommen», antwortet Aeberhard auf die Frage, ob sie immer nur gebe. Und ihr Mann Walter habe für sie gekrampft, «jetzt braucht er eben meine Hilfe.» Ihr Ausgleich ist der Schrebergarten. Während sie in der «Vogelau» ist, schaut Tochter Maja zum Vater.

Auch bei Aeberhards gabs «Krämpfe». Die jüngste Tochter trampte mit 17 nach Portugal und war mit Kolleginnen zusammen, die sich Anfang der 1980er-Jahre im Autonomen Jugendzentrum in Zürich aufhielten. Und Maja sei sonst viel weg gewesen. «Ich liess sie alle gehen, aber es brauchte Gottvertrauen.» Manchmal sei sie sich nicht sicher gewesen, ob das richtig ist: «Trotzdem sind alle drei gut herausgekommen.»
Annemarie Aeberhard ist ein «gmögiger» Typ. Ihre Tochter Maja sagt über sie: «Sie ist humorvoll, verständnisvoll und einfach die Beste.» Und manchmal geht ihr Temperament mit ihr durch.

Über ihr Frauenleben sagt die 69-Jährige: «Es war eine andere Zeit.» Sie könne gut verstehen, dass die jungen Frauen neben der Familie ihrem Beruf nachgingen. Sie selbst habe allerdings nie «ein Gefühl der Leere» gehabt.

«Sie ist humorvoll, verständnisvoll und einfach die Beste»
Annemarie Aeberhard «Hier bin ich richtig gerne zuhause.» Einen Grossteil ihrer Zeit widmet sie ihrem Ehemann.

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