An der Grenze

An der Grenze

Neulich erreichte mich in Berlin, wo ich seit bald einem Jahrzehnt lebe, der Brief eines Zürcher Aktionskomitees. Die Anrede lautete: «Lieber Secondo». Ich hatte diese Bezeichnung schon gehört, wunderte mich aber, dass man es für angebracht hielt, jemanden so anzureden. Eine Rechtfertigung schien man darin zu sehen, dass ich zwar in der Schweiz geboren bin, meine Eltern aber nicht. Ich wunderte mich also weiter, dass man das Leben meiner Eltern für das meine hielt, dergestalt, dass meine Eltern – «Primeros», um im Wort zu bleiben – keine vermeintlichen «Eternos» seien und ich eben ein «Secondo» sein sollte. Ich sagte für das von «Secondos» veranstaltete Podiumsgespräch ab.

In meinem Verständnis gibt es Staatsbürger, Bürger des einen oder anderen Staates eben, und jede weitere Unterscheidung, ob sie nun auf Religion, Hautfarbe oder Herkunft abstützt, ist bürgerrechtlich illegitim – eben auch nicht verfassungsmässig.

Jede weitere derartige Unterscheidung leistet dem Irrtum Vorschub, als ob es in unserer Gesellschaft ein verbrieftes Anciennitätsrecht gäbe, eine Art Gewohnheitsrecht für Frühgekommene – jeder alteingesessene Schweizer stammt von jemandem ab, der früher einmal von irgendwo hergekommen ist – ein politisches First-show-first-serve.

Die Verfassung ist das eine. Es gab aber sehr wohl auch eine Zeit, in der sich unsere Gesellschaft ihrer Vielfalt im guten Sinne im Alltag bewusst war: die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die Zeit der frühen «Geistigen Landesverteidigung». Bundesrat Philipp Etter formulierte Ende 1938 in der «Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Organisation und die Aufgaben der schweizerischen Kulturwahrung und Kulturwerbung» die Grundüberzeugungen der Schweiz: «Der schweizerische Staatsgedanke ist nicht aus der Rasse, nicht aus dem Fleisch, er ist aus dem Geist geboren. Es ist doch etwas Grossartiges, etwas Monumentales, dass um den Gotthard, den Berg der Scheidung und den Pass der Verbindung, eine gewaltig grosse Idee ihre Menschwerdung, ihre Staatswerdung feiern durfte, eine europäische, eine universelle Idee: die Idee einer geistigen Gemeinschaft der Völker und der abendländischen Kulturen!»

Bundesrat Etter verkündete das schweizerische Credo zu einer Zeit, da die begründete Angst bestand, das Land werde, von faschistischen Staaten umgeben, «eingemeindet». Er erteilte den nationalistischen Verblendungen aller Art eine Absage, wie sie humanistischer, eben schöner, klarer und klüger, nicht hätte ausfallen können.

Den Forderungen der Zeit zeigte sich die Schweiz damals gewachsen, indem sie den Geist der Vielfalt beschwor. Heute, in einer Zeit, da die Schweiz von den europäischen Staaten politisch, vor allem aber intellektuell herausgefordert wird, wählt sie einen Volkstribun aus dem Parlament in die Regierung.

Schweizerisch ist damals wie heute: die Vielfalt. Es gibt nichts «Un-Schweizerischeres» als den Versuch, Vielfalt zu begrenzen. Das Projekt der Schweizerischen Volkspartei von der isolierten, selbstbezüglichen Schweiz ist zutiefst «un-schweizerisch». Nur gerade indem Bundesrat Blocher seine Politik demonstrativ in der Maske des Schweizerischen paradieren lässt, gelingt es ihm, seine «un-schweizerischen» Vorstellungen an die Wählerin und den Wähler zu bringen.

Dabei kommt ihm die allerneueste Mode in den Schweizer Strassen zupass, unser Hoheitszeichen allgegenwärtig aufleuchten zu lassen, auf Schuhen, Jacken, T-Shirts, Anhängern, Brieftaschen und so weiter. Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen. Der unreflektierte Umgang mit Symbolen – ist er ironisch gemeint, oder tragen die Leute das Schweizer Kreuz zur Selbstvergewisserung spazieren? Im ersten Fall würde verkannt, dass die Verfassung alles ist, worauf wir zählen können, im zweiten würde verdrängt, dass eine Staatsbürgerschaft nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten und Ansprüche mit sich bringt, nicht zuletzt den Anspruch, sich nicht durch Symbole einen Sinn verleihen zu wollen, sondern umgekehrt das, wofür die Symbole stehen, individuell mit Leben zu erfüllen.

Während des Zweiten Weltkrieges hatte das bundesrätliche Credo nicht immer der politischen Wirk-lichkeit entsprochen, Exilsuchende wurden an unseren Grenzen oft genug in den sicheren Tod zurückgeschickt. Spätestens nach dem Krieg verselbstständigte sich die «Geistige Landesverteidigung». In den 50er-Jahren erkannte Jean Rodolphe von Salis darin geistige Bevormundung und Gesinnungsschnüffelei. Nachdem das EJPD in der Publikation «Zivilverteidigung» den neuen Feind in der Studentenbewegung der späten 60er-Jahre hatte erkennen wollen, nahm die offizielle Schweiz unter dem Druck der Öffentlichkeit endgültig von der «Geistigen Landesverteidigung» Abstand.

Ein guter Grund, sich nicht mehr auf das bundesrätliche Credo von 1938 zu beziehen, ist das mitnichten.

Etter sah den Gotthard als «Berg der Scheidung und Pass der Verbindung». Der Berg schied die Schweiz, die als «eine europäische, eine universelle Idee» verstanden wurde, vom Ausland, und er verband zugleich durch seinen Pass. Diese oszillierende Metapher für das Eigene und das Fremde hat sich verändert. Heute lautet sie: Dr Füfer unds Weggli.

Weltöffnende Infrastrukturprojekte wie die Neat werden von der politischen Rechten als Schollenpfand betrachtet, dazu bestimmt, zur Wegelagerei zu dienen.

Kürzlich sprach ich mit einer Zürcher Kuratorin. Mit Stolz erzählte sie mir von ihrem grossen Osteuropaprogramm. Eine Diskussion zu Europa und der Schweiz hält sie allerdings nicht für angebracht. Sie sei nicht sicher, ob sie die EU eigentlich wolle, der wirtschaftlichen Nachteile wegen.

Die rein wirtschaftlichen Überlegungen in der Europafrage haben nicht nur die Politik, sondern auch Intellektuelle und Künstler heimgesucht. Über die lebensnotwendigen Möglichkeiten der EU möchte in der Schweiz kaum jemand mehr reden.

Das Problem der sich selbst Secondos Nennenden ist vor allem eines der Selbstbezüglichkeit. Mit dieser Selbstbezüglichkeit geht die Richtungslosigkeit einher, die in der Schweiz politisch – nicht nur aussenpolitisch – ganz allgemein zu beobachten ist.

Die Loslösung der Ratio von den praktischen Handlungen befördert die Selbstbezüglichkeit der Schweiz. Das Irrationale gewinnt in der Selbstausschliessung.

Viele jüngere Schweizer fremder Herkunft fühlen sich als nicht zugehörig. Sie beargwöhnen ihren Status und lassen sich dazu hinreissen, sich selbst «Secondos» zu nennen. Damit verkleinern sie sich, ohne Not.

Eine alpine Veranstalterin begrüsste mich neulich mit «Secondo» und fügte freudig hinzu, dass auch sie eine «Seconda» wäre. Ich sagte ihr, dass diese Unterscheidung rassistisch sei. Sie zeigte sich darüber erstaunt, hatte sie sich doch jahrelang an dem Wort «Seconda» festgehalten, sich in unserer Gesellschaft dadurch endlich als Bürgerin, als Citoyenne, gefühlt. Eine «Seconda» zu sein, gab ihr Anlass und Richtung. Das scheint mir tragisch genug.

Wurde ich in der Vergangenheit, bei Lesungen aus meinen ersten Büchern, in der Schweiz als Perikles Monioudis, Schweizer Schriftsteller, vorgestellt, lächelten oder lachten einige der zwanzig, fünfzig, hundert Besucher herzhaft. Ich fragte mich als junger Mann, was es dabei zu lachen gab. Nur meine provokative Feststellung, in Wahrheit sei ich, der Vielfältige, der «wahre» Schweizer hier, liess die Besucher über ihr Lachen und mithin über sich selbst nachdenken.

Es genügt nicht zu wissen, dass man nicht anderer Herkunft, anderer Hautfarbe, anderer Religion ist, um zu wissen, wer man ist.

Unsere Verfassung regelt – und das scheint mir ungeheuer viel und visionär -, dass wir alle vor dem Gesetz gleich sind. Mit Jürgen Habermas sage ich: Ich bin Verfassungspatriot.

Die Orte eines Menschen, seine Menschen, Landschaften, Gefühle, seine Sprache sind nicht verhandelbar. Als eine staatsbürgerliche Pflicht ersten Ranges erscheint mir der inspirierte Umgang mit der eigenen Biografie, die niemals die der Eltern sein kann.

In den USA reagieren die jungen Schwarzen auf die Zumutungen der Mehrheitsgesellschaft auf eine andere Weise. Sie wenden die Beleidigungen auf sich selbst an und entledigen sich ihrer dadurch ironisch: Sie nennen sich gegenseitig «Nigger». Die «Secondos» aber nennen sich im Ernst so.

Ein inspirierter Umgang mit der eigenen Biografie muss sich von der Selbstausschliessung entfernen. Zu sagen, man sei Schweizer fremder Herkunft, aber eben Schweizer, birgt schönere, wenn auch weniger extravagante Versprechen, als sich selbst als «Secondo» zu feiern.

Allzu lange haben wir im Gotthard, «Berg der Scheidung und Pass der Verbindung», nur ein europäisches Verhandlungspfand gesehen, oder dann die falsche Idylle. So oder so beförderte er vor allem unsere Selbstbezüglichkeit.

Zu meinen Lesungen werde ich weiterhin von Berlin aus nach Paris, von Rom nach Lissabon, von dort nach Kopenhagen reisen und dabei wie jeder andere Schweizer Bürger etwa Taxifahrer und Bedienung in derselben Währung bezahlen können. Meinen Schweizer Pass werde ich dabei nicht ein einziges Mal vorzeigen müssen. Das wird nur an einer einzigen Stelle verlangt: an unserer Schweizer Grenze.

Perikles Monioudis Der renommierte Schweizer Schriftsteller wurde 1966 in Glarus geboren. Seine Eltern waren zwei Jahre zuvor von Alexandria in die Schweiz übergesiedelt. Seit 1995 lebt er in Berlin. Der verschiedentlich mit Literaturpreisen ausgezeichnete Autor hat zuletzt das Buch «Die Stadt an den Golfen. Thessaloniki, Berlin, Zürich, Alexandria» im Rimbaud Verlag Aachen veröffentlicht.

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